Chorarbeit an der Schule hat die Tendenz, sich sehr kurzfristig anzufühlen. Durch die Gebundenheit an Schulkonzerte gibt es in jedem neuen Halbjahr einen straffen Zeitplan, an den sich zu halten versucht wird. Schließlich möchte man den Zuhörern am Weihnachtskonzert besinnliche Klänge und am Sommerkonzert abwechslungsreiche Sounds und überhaupt hohe Qualität bieten können. Schnell passiert es, dass vor allem die Töne geprobt werden, um möglichst sicher auftreten zu können.

Erst das Einsingen…

Bei unserem Musicalchor ist das etwas anders! Monatelang werden Lieder ähnlicher Stilrichtungen geprobt, ähnliche Melodien, ähnliche Mehrstimmigkeiten, sodass die Töne sich schnell wiederholen. Hier findet sich Zeit für gemeinsame Stimmbildung, für die Bewusstmachung einzelner musikalischer Charakteristika der Stücke, für das Üben der Kombination aus darstellerischer Präsenz und gesanglicher Leistung.

Dann das Einstudieren des Notentextes…

Bei “Whistle down the Wind” tritt es sogar verhältnismäßig oft auf, dass das Ensemble ein und die selbe Melodie an verschiedenen Stellen des Stückes singt. So ist nicht nur Zeit, den Gesang auf sicheren Abruf zu trainieren, sondern auch musikalisch zu arbeiten. Hierfür hat sich die musikalische Leitung zusammengesetzt, um verschiedene Stimmungsnuancen der einzelnen Szenen abzusprechen und zu formulieren. Durch Stichwörter wie “unsicher, fragend”, “stärker, wehrhaft” und “nüchtern, neutral” werden so aus einer einzigen Melodie drei völlig verschiedene Musikstücke, die sich allein über die Art des Gesangs unterscheiden können.

…und die szenische Einstudierung.

Neben der musikalischen Arbeit in Chorproben gibt es aber auch noch andere Aspekte, die während eines solchen Termins wichtig für die Produktion werden können. So sind die regelmäßigen Chorproben z. B. eine gute Gelegenheit, um von den hier anwesenden Ehemaligen einige Tipps und Tricks für die Aufführungen zu erfahren. Hier fielen viele Hinweise wie “Nehmt Euch für die Endprobenphase eine Decke und viel Tee mit!” und “Zieht Euch die Übeplaybacks auf das Handy, dann könnt ihr sie überall hören!”, die ich persönlich als goldwert einschätze.

Ein weiterer schöner Aspekt einer solchen Chorprobe ist, dass das Ensemble außerhalb ihrer Rollen im Stück Zeit miteinander verbringt. Die Teilnehmenden haben vielleicht mit dem Sitznachbarn/der Sitznachbarin vor der Produktion gar nichts zu tun gehabt, und plötzlich unterhalten sich eine Neuntklässlerin und eine Quasi-Abiturientin über gemeinsame Hobbys und ein Ehemaliger des Tenors gibt einem der aktuellen Darstellenden Tipps, wie er seine hohen Töne auch privat trainieren kann.

Und irgendwann singen alle zusammen und mit dem Orchester.

So sehr mir das Chor leiten mit seinen Schwierigkeiten, seinen Möglichkeiten, seinen Aufwendigkeiten und seinen Ergebnissen Spaß macht – als noch viel wertvoller empfinde ich die Zeit, die ich damit verbringen darf, das Ensemble in solchen Proben mitzubetreuen und den Teilnehmenden dabei zuzusehen, wie sie über sich selbst hinaus wachsen und unabhängig von ihrer Rolle im Musical ihren wohlverdienten Platz in unserer kleinen Musicalfamilie finden.