Sonntag, 10 Uhr morgens am LLG. Während Schüler schlafen und Studenten langsam ins Bett gehen, tummelt sich eine Gruppe koffertragender Menschen vorm Tor. Ein Auto, ein Schlüssel und schon kann das „Lieblingsgebäude“ der Musiker bezogen werden, um in eine von vielen Orchesterproben zu starten. Notenpulte werden gerückt, Kabel verlegt und Noten sortiert. Nachzügler wandeln verschlafen zur Tür hinein und werden mit Kaffee begrüsst, der die Komponisten klassischer Werke wieder zum Leben erwecken würde. Doch hier geht es nicht um Klassik, hier geht es um Musical. „Ein a’ für die Geigen.“ hört man, während man noch einmal nach der einen oder anderen Stelle sucht, die man im besten Fall zuhause geübt hätte. Plötzlich ein „Mit welcher Nummer fangen wir an?“ von hinten, eine etwas verzögerte Antwort vom Pult und die Probe beginnt.

Sitzprobe für FAME 2013. Die Verfasser des Artikels am Schlagzeug (Johannes Funk) und rechts am Keyboard (Maximilian Lich).

Wenige können von sich behaupten, dieses Ritual so häufig durchlebt zu haben, wie wir beide. Während man 2012 bei „Käpt’n Chaos“ noch fleißig Getränke und Brezeln an den Mann brachte, wurde man 2013 auch schon ins Orchester geholt und erlebte erstmals, wie es ist, an so einem „Musical“ beteiligt zu sein. Mit minimaler Kompetenz und maximaler Motivation stürzten wir uns so in die frisch gegründete LLG Musical Company, aus der wir uns an Keyboard und Schlagzeug selbst nicht mehr wegdenken können.

Doch was kann einen so faszinieren, dass man trotz der Sparbeleuchtung in immer wechselnden Orchestergräben, wirren Kabeln, lebenskonsumierenden Endprobenphasen und merkwürdigen Monitor-Mixen noch dabei bleiben möchte? Ganz einfach: Genau das und so viel mehr.

Orchesterprobe für Jekyll & Hyde (2014) – der Keyboarder kommt mir irgendwie bekannt vor…

Die Arbeit im Orchester hat eine Dynamik jenseits von piano und forte. Man sitzt nicht nur zusammen als ein Haufen, der das Glück hatte, von Mama und Papa Instrumentalunterricht bezahlt zu bekommen und daher gut genug Noten lesen kann, um nun gemeinsam Musik zu machen. Man sitzt zusammen, um als Gruppe – im wahrsten Sinne – ein Projekt biblischen Ausmaßes auf die Beine zu stellen. Dazu gehören Kompromisse, ein aufeinander hören, Geduld und eine gute Portion an musikalischer Vorbereitung. Seien es Proben mit einer Dauer von gut 8 Stunden, das Klären von harmonisch oder rhythmisch kniffligen Parts oder das stete Nachkorrigieren von klanglichen Feinheiten. Alles muss stimmen, um ein reibungsloses Zusammenspiel zu gewährleisten. Und so wächst jeder einzelne mit dem Projekt. Und so wuchsen auch wir in den vergangenen fünf Jahren bis heute. Während man bei „Fame“ noch in größtenteils gewohnter Bandbesetzung spielte und sich über Begriffe wie „Vamp“ wunderte, wurde man in „Jekyll&Hyde“ plötzlich in einen symphonisch-orchestralen Kontext geworfen, nur um dann bei „Natürlich Blond“ alle denkbaren Register an Rhythmen, Stilistiken und Metren zu ziehen, die einem irgendwann schon einmal über den Weg gelaufen sind. Man lernt, mit den Schwierigkeiten der Gattung umzugehen, in kniffligen Situationen gekonnt zu improvisieren („16tel? Das ist doch ein Glissando!“) und weiß irgendwann sogar, was Komponisten mit einem Angklung oder einem Metal Rack meinen.

“Orchestergraben” bei Natürlich Blond (2016)

Mit all diesen Eigenschaften ist das Orchester wie gemacht für uns beide. Als eher aufmerksamkeitsscheue Menschen, die nie den Bühnenmittelpunkt gesucht haben, jedoch trotzdem an all diesen Projekten teilhaben wollten, fanden wir hier unser Zuhause und haben seither noch keinen Gedanken daran verschwendet, bald ausziehen zu wollen. Auch wenn Proben und Aufführungen nicht immer reibungslos verlaufen, hat man am Ende stets das Gefühl, etwas Großes geleistet zu haben. In Kombination mit einem besonderen Gruppengefühl, einer guten Portion Nostalgie und Pizza steht man so auch am trübsten Sonntag noch gerne früh morgens in der Probe.