Jonas als Warner bei “Natürlich Blond” (2016)

„Vielen Dank für ihr Kommen, Doktor Jekyll.“
Das ist der Satz, mit dem Mathis vor viereinhalb Jahren bei unserer Aufführung von „Jekyll&Hyde“ unserem Jekyll (Tobias Conrad) gehässig dessen Niederlage verkündete. Davor hatte Mathis bereits 2013 bei der ersten Produktion der LLG-Musical-Company „Fame“ mitgewirkt (um Mathis Geschichte zu lesen siehe Noch 78 Tage – Schach Mat(his) – mein Leben als Springer). Ich selbst habe 2014 bei „Jekyll&Hyde“ das erste Mal an einer Schulaufführung teilgenommen. Eine Freundin, die 2013 ebenfalls auf der Bühne stand, hatte einen Freund und mich sozusagen für die Aufführung angeworben, um dem ewigen Männermangel entgegenzuwirken. Ich hatte mich damals ebenfalls für die Rolle des Jekylls beworben. Nicht deshalb, weil ich so überzeugt von mir war, sondern, weil ich keine Ahnung hatte für welche Rolle ich mich überhaupt bewerben sollte. Die Audition lief nicht gut. Ich war zwar als Kind musikalisch aktiv, sowie jahrelang im Kinder- und später Jugendchor der Gießener Johanneskirche gewesen, hatte jedoch durch den Stimmbruch die Lust am Singen verloren und war nach einer vierjährigen Abstinenz vom Gesang deutlich schlechter geworden. Dementsprechend wurde ich nicht Doktor Jekyll, sondern General Lord Glossop. Die multiplen Titel des Glossops täuschen darüber hinweg, dass er die absolut irrelevanteste Rolle in „Jekyll&Hyde“ spielt. Als einziges Mitglied des mächtigen „Board of Governors“ hat er nicht einmal einen Vornamen. Der General singt 6 Silben solistisch und sagt unglaubliche 2 Sätze. Gelinde gesagt war ich nicht sonderlich vom Hocker gerissen. Meine Rolle bestand aus dem Satz „Sie können mir nicht drohen, ich bin ein General!“ und dem darauffolgenden Fall des Glossop aus dem Stand. Der Fall hat verdammt weh getan und der Satz macht ungefähr 70% der Einträge unter meinem Namen im Abiturbuch 2015 aus. Die anderen Abiturienten aus diesem Jahrgang werden vielleicht in 20 Jahren noch einmal in dieses Buch schauen und sich nach einem Blick auf meine Seite an mich erinnern als der, der mal Musical gemacht hat und da gestorben ist. Dabei würde ich sagen, dass das Musical zu meiner Schulzeit sehr wenig damit zu tun hatte wer ich war. Ich habe mich damals nicht sonderlich zugehörig zur Musik oder der LLGMC gefühlt. Ein Jahr zuvor hatte ich mich gegen den Musik- und für den Kunstunterricht entschieden. Außerdem hatte ich als einzige mitwirkende Person keins der berüchtigten Produktionsshirts gekauft, was Herr B. damals ziemlich merkwürdig fand.

Jonas hinten in der Mitte bei den Proben von “Whistle down the Wind”

„Vielen Dank für ihr Kommen, Doktor Jekyll.“

Vor einem halben Jahr stand ich in der Waggonhalle Marburg erneut in „Jekyll&Hyde“ auf der Bühne. Dieses Mal sage ich den Satz. Am Stück hat sich nicht viel geändert. Wir spielen eine andere Fassung als noch vor viereinhalb Jahren, aber Jekyll ist genauso strebend und größenwahnsinnig wie immer und muss auch dieses Mal wieder in seine Schranken verwiesen werden. Ich stehe nicht nur als Stride auf der Bühne, sondern in einer Doppelbesetzung auch in anderen Rollen. Lustigerweise ist auch der General Lord Glossop wieder dabei, aber dieses Mal fühle ich mich nicht fehl am Platz. Klar: Wieder können viele der anderen Darsteller besser singen und/oder schauspielern als ich, aber dass ich keine Ahnung von Musik oder Musiktheorie allgemein habe ist irrelevant, weil ich das Stück schon kenne und die meisten Ensemblenummern immer noch auswendig beherrsche. Beworben habe ich mich mit den gleichen Nummern, die ich auch bei meiner ersten Audition schon vorgesungen habe. Viele der Darsteller studieren Musik oder vereinzelte sogar spezifisch Musical. Wieso stehe ich da auf der Bühne?
Also das kam so: Nach „Jekyll&Hyde“ war ich zwar nicht sonderlich begeistert vom Musical, aber dennoch ehrgeizig nicht ausgerechnet als General Lord Glossop meinen Abgang von der Schulbühne machen zu müssen. Die regelmäßigen Proben gaben mir auch einen Rhythmus im Leben. Ich besuchte also erneut die Bekanntgabe des neuen Musicals „Natürlich Blond“ dank Herr B. und hatte dieses Mal eine Vorstellung, welche Rolle ich spielen wollte. Ich wurde dann auch wie gewünscht einer der zwei Warner Huntingtons III. Ich war mit meiner Audition ziemlich zufrieden gewesen und die Casting-Jury anscheinend auch. Nachdem sich die Aufführung um ein weiteres Jahr verzögerte und viele der Erst- oder Zweitbesetzungen fürs Studium wegzogen (siehe erneut Mathis’ Artikel), wurde ich sogar der alleinige Warner Huntington III. Praktischerweise war ich im Gegensatz zu vielen anderen Darstellern zu diesem Zeitpunkt weder Schüler noch Student. Nach meinem ersten Semester an der Universität musste ich, um den nächsten Studiengang beginnen zu können, wieder aufs Wintersemester warten. Ich hatte also sehr viel Zeit, die ich für Proben und Vor- oder Nachbereitung dieser aufwenden konnte, weswegen die alleinige Besetzung mir gar nichts ausmachte. Sie war sogar eigentlich ganz willkommen.

Jonas als Warner bei “Natürlich Blond” (2016)

Wenn man so lang mit den gleichen Darstellern auf der Bühne steht wächst man auch etwas zusammen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass nach den zwei Jahren bis zur Aufführung von „Natürlich Blond“ wirklich jeder Darsteller, egal welche Rolle er auf der Bühne darstellte, jede andere Rolle hätte singen können. Gleichzeitig hängt das auch damit zusammen wie stark man involviert ist und vor allem sein muss. Dieses Jahr sind viele Musicalneulinge dabei, die immer noch tatkräftig von Ehemaligen unterstützt werden. Ich würde heute sagen, dass ich damals durch das zusätzliche Probenjahr und die damit wegfallenden DarstellerInnen ein großes Glück erfahren habe. „Natürlich Blond“ war eine tolle Aufführung, und ich habe erst danach, als ich für unsere Beinahe-Aufführung von „Fast Normal“ nicht direkt als gut genug empfunden wurde, um eine der wenigen Rollen auszufüllen, gemerkt, wie sehr ich auf einmal an der Bühne hing.

Jonas (links) bei den Proben für “Fast Normal” am LLG

Als ich dann doch für „Fast Normal“ angefragt wurde, es dann aber nach vielen Proben hieß, dass wir „Fast Normal“ nicht aufführen können, habe ich gemerkt, dass mir die Aufführungen mittlerweile sehr liebgewonnen waren und ich jetzt erst einmal ohne Aufführung kein Hobby mehr haben würde. Ursprünglich sollte „Whistle down the Wind“ komplett ohne Ehemalige stattfinden und ich wusste nicht ganz wohin mit meinem Leben. In meinem Frust habe ich Christian Ziegler, der bei gefühlt jeder Schulaufführung in Gießen mitspielt und über jede in der er nicht mitspielt trotzdem Bescheid weiß, darum gebeten mich darauf aufmerksam zu machen, wenn wieder für irgendetwas in der Region gecastet werden sollte. Spoiler: So bin ich nach Marburg gekommen. Und Mitte dieses Jahrs spiele ich in Marburg wieder dieselbe Rolle, die ich ursprünglich bei unserer Ehemaligenaufführung von „Fast Normal“ spielen sollte. Die Welt ist sehr klein.

Jonas bei der Tanzprobe

Ohne die LLGMC hätte ich niemals mit so vielen tollen Leuten zusammenarbeiten dürfen, wie ich es durfte und ich bin sehr gespannt die Zukunft der Gießener (Schul-)Theaterzunft auf der Bühne erleben zu dürfen, denen „Whistle down the Wind“ das Schauspiel hoffentlich ebenso eröffnen wird wie mir damals.

Wie dem geneigten Leser aufgefallen sein wird, stehen dieses Jahr doch wieder Ehemalige bei WdtW auf der Bühne – so auch ich. Als Aushilfstenor bin ich parallel zu den Marburger Proben dieses Mal im Ensemble dabei und eröffne mit einem Monolog das Stück. Reden schwingen habe ich über die Jahre auf der Bühne hoffentlich gelernt, aber überzeugen Sie sich doch einfach selbst!