Es ist ziemlich genau 15 Jahre her, da führte meine ehemalige Schule, einige Jahre nach meinem Abitur, ein großes Musical auf: „Jesus Christ Superstar“ sollte es sein – passend zum christlichen Schulträger. Was ich damals auf der Bühne gesehen habe, hat mich sehr beeindruckt: die Bühne war voller Leben, das Orchester klang recht ordentlich und das Licht wirkte auf mich sehr professionell. Das Ensemble bestand überwiegend aus aktuellen Schülerinnen und Schülern der Schule, in den (männlichen) Solo-Rollen waren z.T. Lehrer, aber auch eingekaufte, schulfremde Gäste (Jesus) zu sehen. Das irritierte mich damals ein wenig. Nichtsdestotrotz hielt ich eine solche Produktion für eine Schule für sehr bemerkenswert, empfand es als absolute Ausnahme im Schulumfeld, aber als „echte“ Schulaufführung habe ich es nicht in Erinnerung.

Nun, 15 Jahre später, bin ich selber Lehrer und leite an einer Schule, die mir in den letzten Jahren sehr ans Herz gewachsen ist, selber eine große Musicalproduktion. In drei Wochen ist Premiere und seit wir unseren 100-Tage-Blog am 2. Weihnachtsfeiertag gestartet haben, werde ich immer wieder von Freunden und Verwandten, von Kollegen und Schülern darauf angesprochen, dass es beeindruckend sei, „was für einen Aufwand“ wir für unser Musical betreiben würden. Einmal fiel sogar die Aussage: „Das hat doch mit Schule nichts mehr zu tun.“ Das hat mich nachdenklich gemacht, denn mein und unser aller Ziel ist eigentlich genau das, Schultheater bzw. Schulmusical zu machen. Sollten wir unser ursprüngliches Ansinnen tatsächlich aus dem Blick verloren haben? Und so begann ich, unsere Produktion kritisch zu hinterfragen.

Eigene Technik im eigenen Technikraum

Ja, der technische Aufwand ist beeindruckend und vermutlich gibt es nicht so viele Schulen, die auf so viel eigene Licht- und Tontechnik zurückgreifen können. Aber diese Sachen sind uns nicht zugeflogen. Sie wurden überwiegend mit Geld finanziert, welches wir durch andere schulmusikalischen Veranstaltungen (z.B. Weihnachts- oder Sommerkonzert) eingenommen haben und welches durch den Musikförderverein gesammelt und verwaltet wird. Unsere Technik ist das Ergebnis von fast zehn Jahren harter Arbeit im gesamten Musikfachbereich. Und obwohl wir schon viel haben, fehlen uns hier und da noch einige Bausteine und so mieten wir weiteres Equipment bei einer professionellen Firma für Veranstaltungstechnik, die uns darüber hinaus mit Fachkompetenz unterstützen kann. Unsere Licht- und Ton-AG hat so in den letzten Jahren der Zusammenarbeit sehr viel gelernt. Das ist für mich eindeutig Schule.

“Whistle down the Wind” – von den USA über das West End ans LLG Gießen

Ja, das Stück „Whistle down the Wind“ ist für den Broadway geschrieben und wurde erfolgreich im West End gespielt, an Schulaufführungen haben die beiden Macher Webber und Steinman sicher nicht gedacht, als sie das Stück in den 90ern entwickelt haben. Aber das Musical behandelt zentrale Fragen, die einen heranwachsenden Menschen beschäftigen, setzt sich mit dem Erwachsenwerden auseinander, thematisiert Verrat und Vertrauen, geschwisterliche Konflikte, Ängste und Verluste, erstes Verliebtsein und den Umgang mit Fremden und Unbekanntem. Wer sollte eine solche Geschichte besser und glaubwürdiger spielen, als Schülerinnen und Schüler? Und so war es stets unser Bestreben, unseren Darstellern einen Rahmen zu bieten, in dem sie sich ganz auf ihr Spiel und ihren Gesang konzentrieren können. Der Mitbegründer der LLG-Musical-Company, Martin N. Spahr, nannte dies den geschützten Raum im geschützten Raum. Auch das ist typisch Schule bzw. sollte typisch Schule sein.

“Groß und Klein” im Spiel vereint – Musical verbindet

Ja, auf der Bühne stehen Darsteller, die nicht mehr zur Schule gehen, sondern inzwischen studieren. Aber – mit einer Ausnahme – waren alle Solisten aktuelle Schüler, als wir mit der Produktion begannen. Die zweite Ausnahme wurde aus der Not geboren (siehe Schach-Mat(his) – https://llg-musical-company.de/noch-78-tage-schach-mathis-mein-leben-als-springer/). Dass in unserem Ensemble sich ebenfalls Ehemalige unserer Schule befinden, hat einen ganz einfachen Grund: wir wollen, dass die Kleinen von den Großen lernen. Und dies gelingt uns in diesem Jahr, insbesondere auch durch die Kindergruppe, besonders gut. Wie im Statistik-Artikel erwähnt, beträgt das Durchschnittsalter auf der Bühne 15,7 Jahre – wenn das nicht Schule ist, weiß ich es auch nicht.

Ja, die Choreographin ist ein externer Profi. Aber sie ist meine Schwester und gehört somit zumindest zum erweiterten Schulumfeld – im “echten” Leben hätten wir uns sie nicht leisten können. Abgesehen davon sind alle Positionen in unserem Kreativteam von Ehemaligen und Lehrern besetzt. Es wurde kein Regisseur von außerhalb verpflichtet, das Lichtdesign wird nicht von Externen gemacht, das Bühnenbild ist selbst gebaut, die Kostüme und Requisiten wurden in der gesamten Schulgemeinde gesammelt und es gibt keine professionelle Inszenierung des Stückes, die als Vorlage hätte dienen können. Alles, was Sie bei “Whistle down the Wind” am LLG auf, neben und hinter der Bühne erleben, stammt aus dem unmittelbaren Schulumfeld – mehr Schule geht gar nicht.

Ausreichend Platz für das “bunte” Orchester in der schuleigenen Mensa / E-Aula

Bleibt das musizierende Orchester und an dieser Stelle räume ich gerne ein, dass wir den Schulrahmen (notgedrungen) ein wenig verlassen mussten. Durch die Verschiebung der Aufführungen von November 2018 auf den April 2019 gingen uns studienbedingt einige schuleigene Instrumentalisten verloren, die wir nur mit externer Hilfe ersetzen konnten. Und selbst bei diesen versuchten wir im (sehr) erweiterten Schulumfeld fündig zu werden: so ist beispielsweise unser Bassist Gießener Musikstudent, der vor zwei Jahren ein Praktikum am LLG absolvierte, unser “Ersatz”-Saxophon studiert ebenfalls Lehramt für Musik an der JLU und unser 1. Gitarrist ist Vater eines aktuellen Abiturienten. Aber auch hier habe ich ein Aber: unser Orchester setzt sich aus jungen Leuten zusammen, die Spaß am Musical und gemeinsamen Musizieren haben und die für ihr Mitwirken nicht finanziell entlohnt werden. Wo es anderenorts (okay, so weit muss man da gar nicht weg gehen…) durchaus vorkommt, dass ein kleines Profi-Orchester zusammengekauft wird, um ein Laienensemble beispielsweise bei einer Messe zu begleiten, spielen wir mit Freunden und Bekannten aus reinem Spaß an der Freude und an der Musik. Und wenn man sich die teilweise komplexe Partitur anschaut, dürfen wir feststellen, dass uns das inzwischen ziemlich gut gelingt. Hier musizieren neben unseren aktuellen und ehemaligen Schülerinnen und Schülern ausschließlich studentische Amateure (ja, außer dem Vater) und was kommt Schule näher als Studierende? Und so komme ich für mich zu dem Ergebnis, dass ich diese eine Einschränkung gerne in Kauf nehme, wenn ich dadurch das große Ganze ermöglichen kann, aber letztlich sei es jedem selbst überlassen, sich eine eigene Meinung dazu zu bilden.

Die Herren des Chaos’ nach der erfolgreichen Premiere 2012

Zusammenfassend kann ich also sagen, dass für mich “Whistle down the Wind” am Landgraf-Ludwigs-Gymnasium in Gießen Schultheater bzw. Schulmusical im besten Wortsinne ist. Eine Produktion von Lehrern, Ehemaligen und Schülern einer Schule, die in gemeinschaftlicher, intensiver Arbeit ein Stück für die gesamte Schulgemeinde einproben und erarbeiten und am Ende in der schuleigenen Turnhalle zur Aufführung bringen. Das ist nicht nur anstrengend und zeitintensiv, das macht auch wahnsinnig viel Spaß und Freude und so zitiere ich gerne zum Abschluss aus dem ersten gedruckten Programmheft zu einer großen Musicalaufführung am LLG “Käpt’n Chaos und der vielleicht allerletzte Kaiser” (2012), welche Startschuss für die LLG-Musical-Company war: “Es gibt sicher nicht viele Dinge, die schöner sind, als mit jungen Leuten Musik zu machen!” Und ich bin wahnsinnig dankbar, dass ich dies an dieser Schule mit diesen tollen Leuten machen darf!